Die ÜBA: Türöffner ins Berufsleben

Die ÜBA? Ist das nicht ein AMS-Kurs für Jugendliche, in dem berufliche Theorie und kaum Praxis vermittelt wird? Falsch! Zwar wird die ÜBA vom AMS (und in Wien auch vom waff) finanziert, aber das ist auch schon alles, was an dieser Aussage stimmt. Was die ÜBA tatsächlich leistet, wie das ipcenter sie von Anfang an mit umgesetzt hat und warum sie nicht nur Jugendliche, sondern auch für die österreichische Wirtschaft und Gesellschaft von großer Bedeutung ist, beleuchten wir in einer dreiteiligen Serie. In Teil 2 geht es um die lebensentscheidenden Chancen, die die ÜBA jungen Menschen bietet. 

Jugendliche, die gerade einen Ausbildungsplatz in einem der mehr als 200 Lehrberufe suchen, haben es schwer. Zwar ist die Lehre zentraler Bestandteil des österreichischen Bildungssystems, weil sie die dringend benötigten Fachkräfte sichern soll. Doch obwohl ihre wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Funktion unbestritten ist, finden lehrstellensuchende Jugendliche sehr oft keinen Ausbildungsplatz. Mit Stand September 2026 waren beispielsweise in Wien 5440 Jugendliche beim AMS als lehrstellensuchend vorgemerkt, das ist ein Plus von 3,1 Prozent. Dem standen nach Angaben des AMS nur 496 offene Lehrstellen gegenüber, das sind um 37,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

In die derzeit immer größer werdende Lücke zwischen Nachfrage und Angebot springt die Überbetriebliche Lehrausbildung (ÜBA), indem sie lehrstellensuchenden jungen Menschen die Tür in ein qualifiziertes Berufsleben öffnet. Die ÜBA ermöglicht ihnen eine vollwertige Berufsausbildung mit Berufsschulbesuch, Praxis und regulärem Lehrabschluss in Bildungseinrichtungen wie dem ipcenter. Was einst als Auffanglösung gedacht war, hat sich zu einem wichtigen Instrument der Fachkräfteausbildung entwickelt, denn die ÜBA bietet Jugendlichen die Chance, ihre Talente zu entfalten und berufliche Zukunftsperspektiven aufzubauen. Damit ist sie wichtiger Beitrag gegen Jugendarbeitslosigkeit und zur Förderung von Chancengleichheit.  

Im ipcenter können sich Jugendliche in sechs Lehrberufen ausbilden lassen. Wie sie ihren zukünftigen Beruf und einen Platz in der ÜBA finden, erklärt ipcenter-Geschäftsführerin Monika Kovacs: „Vorgeschaltete Organisationen klären zunächst die Orientierung und die Motivation der Jugendlichen für einen Beruf ab.

Präsentation über die ÜBA

Wenn sie der Meinung sind, dass für die Jugendlichen eine Ausbildung infrage kommt, melden sie sie bei uns zum Berufscheck an. Er dauert vier Tage, wobei wir uns mindestens zwei Wochen wünschen würden, um die praktische Eignung und die Motivation intensiv prüfen und eventuelle Einschränkungen entdecken zu können.“ 

Getestet werden die schulischen Kenntnisse und die praktische Eignung für den Beruf, um die Zahl späterer Drop-outs so gering wie möglich zu halten, denn Berufswechsel sind teuer für das System und bedeuten für die Betroffenen eine Verlängerung der Ausbildungszeit. Wenn der:die Jugendliche für den Beruf geeignet erscheint, wird er:sie aufgefordert, sich eine Lehrstelle in einem Betrieb zu suchen, denn die ÜBA startet nur zwei- bis dreimal im Jahr. Gelingt der Einstieg in einen Betrieb nicht, kann sich der:die Jugendliche auf die Warteliste für die ÜBA setzen lassen. „Direkt vor dem Start gibt es noch einmal ein Gespräch, wo geschaut wird, ob der:die Bewerber:in zum Gespräch kommt, ob er:sie pünktlich ist und alle erforderlichen Unterlagen mitbringt“, erläutert Monika Kovacs. Auf diese Weise werden vor dem Einstieg Motivation und Eignung überprüft. 

Wenn die Jugendlichen einen Platz in der ÜBA gefunden haben, ergibt sich für sie nicht nur eine konkrete berufliche Chance. 

Asia Hamdam arbeitend am Computer

 Abgesehen vom Fachabschluss, den sie erwerben, würden sie außerdem lernen, an etwas dranzubleiben und durchzuhalten, sich Ziele zu setzen und zu erreichen, erklärt die ipcenter-Geschäftsführerin. Da die Ausbildung drei bis dreieinhalb Jahre dauert, leide mitunter die Motivation und es gebe Rückschläge. „Deshalb müssen die Jugendlichen lernen, nach vorn zu schauen und resilient zu bleiben gegenüber Einflüssen und Problemlagen im Privatleben. Es gilt, die Ausbildung in den Vordergrund zu stellen und abzuschließen.“ 

Viele Lehrlinge verbessern in der ÜBA ihre Deutsch- und/oder Mathematikkenntnisse und auch andere schulischen Defizite können ausgeglichen werden. Das Selbstbewusstsein wächst, weil die Jugendlichen plötzlich Gleichaltrigen etwas voraushaben, indem sie z. B. wie die angehenden Kosmetiker:innen besonders gut schminken oder wie die angehenden Medienfachkräfte tolle Einladungskarten entwerfen können. „Im ipcenter bekommen sie die Möglichkeit, ihre Kenntnisse unter Beweis zu stellen, indem sie z. B. Mitarbeiter:innen für die Jahresabschlussfeier stylen oder das Ereignis filmisch und fotografisch festhalten. Darauf sind sie dann sehr stolz“, erzählt Monika Kovacs.

Dank vier Varianten kann die ÜBA unterschiedliche Anforderungen berücksichtigen und unterschiedliche Ausbildungstiefen bereitstellen, je nach den Voraussetzungen, die die Jugendlichen mitbringen.

        Die ÜBA: vier Varianten

  1. Bei der sogenannten ÜBN 2 ist nur ein Jahr ausgestaltet, denn die Lehrlinge sollen gleich in diesem ersten Jahr in einen Betrieb vermittelt werden.
  2. Die ÜBN 1 ist die Regellehre. Die Ausbildungsdauer ist identisch mit der im Betrieb, wobei auch hier Ziel ist, die Lehrlinge so frühzeitig wie möglich in einen Betrieb zu vermitteln.
  3. In der verlängerten Form der ÜBN 1 haben Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder personenbedingten Gründen viereinhalb Jahre Zeit, um den Lehrabschluss zu erreichen. Eine Berufsausbildungsassistenz unterstützt sie dabei, den Abschluss trotz bestehender Probleme oder Lernschwierigkeiten zu erreichen.
  4. Wenn auch das nicht möglich ist, kann ein Teilabschluss gemacht werden. Falls z. B. im Friseurbereich Männerhaarschnitte und das Rasieren gelingen, Frauenhaarschnitte aber nicht, wird so eine Tätigkeit in einem Barbershop ermöglicht.
Selfie Lehrlinge mit Zeugnissen

Durchschnittlich 30 bis 35 Lehrabschlussprüfungen (LAP ) werden pro Jahr von den Lehrlingen im ipcenter bestanden, das ergibt in 25 Jahren ÜBA bislang rund 800 positiv absolvierte LAP. Mit dem Bestehen würden die Jugendlichen weit mehr als nur fachliche Kenntnisse unter Beweis stellen, meint Monika Kovacs:

„Bestimmte persönliche Voraussetzungen wie z. B. Lernbereitschaft und Resilienz sind erfüllt, sonst würde die Lehre nicht durchgehalten werden. Die Motivationslage ist Grundlage, um einen Lehrabschluss zu schaffen und sie ist eines der wesentlichen Dinge, auf die Arbeitgeber:innen heute achten.“

Gerade wenn die Ausgangslage des Jugendlichen schwierig ist, stellt eine bestandene LAP einen großen persönlichen Erfolg dar. „Mir fällt ein Mädchen aus Syrien ein, das stellvertretend für viele Jugendliche mit dieser Herkunft steht, die sich den schweren Lehrberuf Augenoptik ausgesucht haben“, berichtet Monika Kovacs. Bei ihrem Eintritt in die ÜBA musste das Mädchen viele Hürden überwinden: Ihre Deutschkenntnisse waren noch nicht auf dem Niveau, das für das Curriculum eines Gesundheitsberufs notwendig ist, und es gab kein unterstützendes familiäres System. Stattdessen war das Mädchen als minderjährige geflüchtete Person in einer Wohngemeinschaft untergebracht. Ihr Umfeld riet ihr eher von einer Ausbildung ab und versuchte stattdessen, ihr die Rolle als junge Mutter nahezulegen. „Das Mädchen bestand aber darauf, einen Beruf zu erlernen, um künftig unabhängig zu sein. Gerade gegenüber jungen Frauen tragen wir meiner Ansicht nach eine besondere Verantwortung und jeder einzelne Lehrabschluss freut mich persönlich stark.“

Lesen Sie in Teil 1 der Serie, wie die ÜBA vor rund 25 Jahren im ipcenter begann, welche Erfolgsgeschichten mit ihr verbunden sind und wie sie laufend an aktuelle Entwicklungen angepasst wird.