„Wollen ist der erste Schritt. Dann muss man machen!“

Schon sein Großvater hat als Friseur viele Auszeichnungen bekommen, und auch für Mohammad Abdulfatah ist sein Beruf viel mehr, als gegen Bezahlung Haare zu schneiden. Einmal im Monat packt der 19-Jährige, der im ipcenter eine von AMS und waff geförderte Überbetriebliche Lehrausbildung (ÜBA) zum Friseur (Stylisten) begonnen hat und seine Ausbildung jetzt bei einem Friseur fortsetzt, seine Haarschneidemaschine ein und macht sich auf den Weg. Sein Ziel: Das Haus St. Martin, ein Pflegeheim der Caritas in Wien für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Mohammad, von den meisten kurz „Momo“ genannt, hat dort einen Vertrag als ehrenamtlicher Mitarbeiter.

Im Haus St. Martin und in einigen weiteren Einrichtungen, in die Mohammad als ehrenamtlicher Friseur geht, ist er jedoch nicht nur in fachlicher Hinsicht, sondern auch als Zuhörer gefragt. „Während ich Haare schneide, erzählen mir die Menschen oft von ihren Problemen und berichten zum Beispiel davon, dass ihr Sohn oder ihre Mutter sie nie besuchen.“ Vor allem in den ersten Monaten sei es eine Herausforderung gewesen,

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Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die mitunter nicht stillsitzen können, sondern ständig in Bewegung sind, einen Haarschnitt zu machen, aber in den drei Jahren seiner Tätigkeit hat Mohammad schon viel Routine gewonnen. Er ist flexibel, lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und versucht, Vertrauen zu schaffen, indem er die Haarschneidemaschine kurz vorführt. „Oft hilft es auch, beim Schneiden eine Pause zu machen.“

Mohammads wichtigste Eigenschaften als ehrenamtlicher Friseur sind jedoch Flexibilität und Einsatzfreude: „Einmal habe ich einem schreienden 21-Jährigen auf dem Boden liegend die Haare geschnitten“, erzählt er und hebt seine linke Hand. An einem der Finger ist von diesem Einsatz eine Narbe zurückgeblieben.

Erfahrungen wie diese halten ihn aber nicht davon ab, seine ehrenamtliche Tätigkeit auszuüben, im Gegenteil. „Mein Beruf ist ja zugleich mein Hobby“, meint er. „Und außerdem habe ich in Österreich die Chance bekommen, dass ich alles machen kann, da muss ich auch was zurückgeben.“

Arbeitsplatz im Pflegeheim 1 scaled - ipcenter

2016 ist er im Alter von 9 Jahren von Syrien nach Österreich gekommen und hat hier parallel zu seinem Mittelschulbesuch eine Ausbildung zum Taekwondo-Trainer gemacht, bevor er sich entschloss, Friseur zu werden. „Man muss lieben, was man macht, damit man macht, was man liebt.“ Beim Erreichen seiner Ziele hilft Mohammad sein Ehrgeiz: „Mein Traum war immer, dass ich überall Einser habe.“

Auf dem Weg vom Traum zur Wirklichkeit sei noch eine weitere Eigenschaft unabdingbar: „Du musst immer ehrlich zu dir sein und dir eingestehen, wenn du etwas nicht weißt.“ Auf die gewonnene Erkenntnis müsse dann die Umsetzung folgen: „Von nix kommt nix.“ Immer dann, wenn er etwas noch nicht wusste oder konnte, habe er sich zu Hause hingesetzt und gelernt, erzählt Mohammad. „Wollen ist der erste Schritt. Dann muss man machen!“

Mohammad Abdulfatah beim Haare schneiden eines Kundens

Auf diese Weise steuert Mohammad von Ziel zu Ziel. Als nächstes steht die Lehrabschlussprüfung an, dann sollen die Meisterprüfung und die Berufsmatura folgen, auf die sich Mohammad an der VHS vorbereitet. Als viertes Fach neben Deutsch, Mathe und Englisch hat er sich dafür Kunst und Design ausgesucht: „Das hat viel mit dem Friseurberuf zu tun, der ja auch eine Kunst ist.“

Studiert hat Mohammad diese Kunst schon als Kind: „Mein Opa war ein sehr guter Friseur.“ Inspiriert von diesem Vorbild hat Mohammad im ipcenter alles gelernt, was er für eine erfolgreiche Berufsausübung braucht: „Katharina Sturm und Manuela Steiner haben mich dabei sehr gut betreut.“ Und Ferda Abazi habe ihn dann bei seinen Bewerbungen bei Friseurgeschäften tatkräftig unterstützt. Nach nur einer Woche Praktikum konnte Mohammad dann beim Coiffeur Bohac im 22. Bezirk dann direkt in die Fortsetzung seiner Ausbildung starten. An seinem Betrieb schätzt Mohammad vor allem die Trainingsabende: „Da kannst du alles ausprobieren, was du tagsüber gesehen hast.“

Dass Mohammad bereits so erfolgreich in seinem späteren Beruf tätig ist, liegt auch daran, dass er neben handwerklichem Geschick und kreativem Gespür noch eine weitere Fähigkeit hat: „Ich mag an meinem Beruf besonders die Kommunikation zwischen den Kund:innen und mir, das macht mich irgendwie fröhlich. Und wenn ein Kunde dann wieder zu mir kommt und Stammkunde wird, macht mich das glücklich.“

Mohammad Abdulfatah beim Haare schneiden einer Kundin